Aktuelles

Zum Tod von Matthias Vernaldi

Nachruf auf Matthias Vernaldi:

Als ich im Berliner Tagesspiegel unter der Rubrik Nachrufe den Namen von Matthias Vernaldi las, war mir ganz elend zumute. Er starb am 9.3. 2020 im Alter von 60 Jahren.
Ich kenne Matthias Vernaldi seit 1995 als Mitglied des Berliner Arbeitskreises „Sexualität, Partnerschaft und Behinderung“, als einen der Aktivisten für die Belange der Menschen mit Behinderung.

Er war ein kluger, warmherziger und kritischer Begleiter unserer sexualpädagogischen Arbeit. Schon 2000 hat er die Fachtagung „Tabu und Zumutung“ unterstützt, die in Berlin mit einigen Kolleg*innen des isp veranstaltet wurde. Als wahrer „Experte in eigener Sache“ und Sexualberater mit feinem – oft auch derbem – Humor wurde er nie müde, sich vehement für die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung einzusetzen. Sein unmissverständliches Engagement für sexuelle Assistenz fand anlässlich der isp-Jubiläumstagung 2013 in einem Workshop mit diesem Ankündigungstext Ausdruck:

„Bedürfnis, Begehren und Befriedigung“ Gespräch mit Matthias Vernaldi, Sexualberater und Freier im Rollstuhl, und einer Sexarbeiterin. Es wird von positiven, negativen, überraschenden und Mut machenden Erfahrungen aus der je unterschiedlichen Perspektive berichtet.

Als Leiterin des Workshops war ich vor dem Interview ziemlich aufgeregt, hatte sich doch eine große Gruppe am Thema Interessierter angemeldet. Wie Matthias sich dann ganz selbstverständlich als „Nutzer“ sexueller Dienste outete, seine unterschiedlichen, auch lustig-skurrilen Prostitutionserfahrungen beschrieb und abschließend seine Erwartungen an die Fachkräfte der Behindertenhilfe formulierte – das war klar, engagiert und gewinnend.

Seine Grußadresse als Statement gegen ein „wohlmeinendes fürsorgliches Getue“, und für ein „weniger an pädagogischen Maßnahmen“ ist fast 7 Jahre alt. Sein Rat: „Behaltet immer eure kritische Haltung gegenüber der eigenen Rolle“ ist auch 2020 hochaktuell.

Matthias Vernaldi war für uns ein Wegweiser ganz ohne erhobenen Zeigefinger, mit sehr wachem Verstand und meist verschmitztem Lächeln. Matthias, du fehlst uns in der Community.

Gudrun Jeschonnek

… empfiehlt den Nachruf im Tagesspiegel zu M. Vernaldi von Karsten Krampitz

… und folgende Texte von Matthias Vernaldi:

„Über den begehrlichen Blick des Mannes“
„Zum barrierefreien Puff“

Zuletzt aktualisiert: 11.05.2020

Zum Tod von Joachim Walter

Am 21. April ist Joachim Walter im Alter von 72 Jahren gestorben.
Wir haben mit ihm einen guten Freund verloren, die Fachwelt einen engagierten und bedeutenden Experten und unsere Gesellschaft einen wirkmächtigen Kämpfer für die sexualitätsbezogenen Rechte von Menschen mit Behinderung.

Seit 1981 lehrte der Diplompsychologe und Theologe als Professor für Psychologie an der Evangelischen Hochschule Freiburg, von 1992 bis 2002 war er deren Rektor. Seit Oktober 2002 bis zum Eintritt in den Ruhestand suchte er beruflich eine neue, mehr praktische Herausforderung und war als Vorstandsvorsitzender und fachlicher Leiter der Diakonie Kork tätig – einem Epilepsiezentrum mit Spezialkliniken, Wohnstätten, Werkstätten und Schulen mit mehr als 1000 Mitarbeitenden.

Als Dozent und Wissenschaftler hatte Joachim Walter maßgeblichen Anteil daran, dass im Diskurs um die Zusammenhänge und Potentiale emanzipatorischer Sexualpädagogik ab Ende der 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum endlich auch Menschen mit Behinderung mitgedacht und einbezogen wurden. Thema seiner Dissertation war der Zusammenhang von Erwachsensein und sexuellem Erleben von Menschen mit Behinderung. Zusammen mit Annerose Hoyler-Herrmann hat er schon Anfang der 1980er Jahre eine praxiserprobte sexualpädagogische Arbeitshilfe herausgegeben, die helfen sollte, der damals umfassenden Tabuisierung der Sexualität von Menschen mit Behinderung entschlossen entgegenzutreten.

Das 1983 erstmals erschienene Buch „Sexualität und geistige Behinderung“ war dann mit mehreren Neuauflagen dreißig Jahre lang die Leitpublikation für diejenigen, die sich gegen die vielgliedrige komplexe inhumane, menschenrechts- und grundgesetzwidrige Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen zum Lebensthema Sexualität engagierten. Joachim Walter hat es nicht selbst geschrieben, sondern als Herausgeber all diejenigen versammelt, die sich mit Expertise und Gestaltungswillen in den Disziplinen der Pädagogik, Beratung, Medizin, Ethik und des Rechts für die sexuelle Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen einsetzten, weil es nötig war.

Nicht unwesentlich ist es ihm zu verdanken, dass in der ambulanten und stationären Behindertenhilfe zu sexuellen Themen vieles anders und einiges besser geworden ist –
dass das Recht auf Kinderwunsch und Elternschaft geachtet wird,
dass Sexualassistenz gegeben wird,
dass Sterilisation und diktierte Zwangsverhütung durch die 3-Monats-Spritze geächtet ist,
dass Sexualitätsbegleitung und sexuelle Bildung in Einrichtungskonzeptionen vorkommt,
dass Selbstbestimmung nicht als Störung der Versorgungsverrichtungen gefühlt wird.

Viele haben von ihm gelernt und von seinen Erfahrungen profitiert – wir auch.
Es war und ist uns eine Ehre, dass Joachim Walter Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts war und wir so bei der Gestaltung unsere Bildungsinitiativen einen zugewandten Berater als aufmerksamen Begleiter konsultieren durften. Oft haben wir ihn als Vortragsredner eingeladen und erlebt, in unseren Weiterbildungen sein Manifest der sexuellen Rechte als Grundlagenlektüre ausgegeben. Wir konnten ihn auch dafür gewinnen, über viele Jahre das Abschlusskolloquium der Weiterbildung ‚Sexualität und Behinderung‘ als Prüfungsvorsitzender zu gestalten.

Mit seiner herzlichen, sinnlichen und geselligen Art war es nicht nur Inspiration und Mobilisierung, sondern auch Freude, mit ihm zusammen zu sein, ob als Kollege oder Veranstaltungsteilnehmer*in.
Über seine Schriften hinaus hat er auch im persönlichen Kontakt mit Kompetenz, Wertschätzung und Entschlossenheit viele Menschen ermutigt und animiert, sich für die (sexuellen) Rechte von Menschen mit Behinderung einzusetzen. Und wer in Einrichtungen der institutionellen Behindertenhilfe ob der paternalistischen, Sexualität tabuisierenden und oft unterdrückenden Kultur und Atmosphäre zu verzagen drohte, dem oder der gab er Ermutigung, Argumente und neue Energie.
Er wusste als in Theorie und Praxis gleichermaßen erfahrene Autorität, wie widerständig die Barrieren und Widrigkeiten des institutionellen Hilfealltags im Einsatz für und ein menschengerechtes, sexualfreundliches Klima sein konnten.

„Es liegt an uns, ob die Sexualität Behinderter eine behinderte Sexualität ist – und wie lange sie’s noch bleiben wird.“ – Joachim Walter ist zu danken, dass für viele Menschen mit Behinderung die aktive oder fahrlässige Behinderung ihres sexuellen Lebens weniger geworden ist.

Er fehlt uns.

Frank Herrath & Ralf Specht für das Institut für Sexualpädagogik

Zuletzt aktualisiert: 05.05.2020