Fachforum Jugendsexualität 2010

Studien, Trends, Diskurse

Nach wie vor genießt die Sexualität Jugendlicher eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit, ob sie nun skandalisiert, bejubelt oder gefürchtet wird.

Wir wissen viel über jugendliches Sexualverhalten, Studien und Forschungsergebnisse ergeben ein fast lückenloses Bild, das jedoch unterschiedlich interpretiert wird. Die Schutz- und Angstthemen dominieren dabei in der aktuellen gesellschaftlichen und fachlichen Debatte.

Jugendlichen dagegen scheint es oft egal zu sein, was ihnen die Studien und Diskurse zuschreiben. Sie erleben nach wie vor die Jugendphase als eine intensive körperliche, emotionale und soziale Erfahrung, in der sexuelle Erfahrungen im Peer-Group Ranking ganz oben stehen.

Heranwachsende schätzen und brauchen dabei eine zugewandte, respektvolle sexualitätsbezogene Begleitung und Unterstützung von Erwachsenen, die die Spannung zwischen gesellschaftlich aufgeregten und unaufgeregten Themen der Jugendsexualität auszubalancieren wissen.

Das isp nimmt die im September 2010 erscheinende Jugendsexualitätsstudie der BZgA zum Anlass, die Bedeutung der Ergebnisse für die aktuelle sexualpädagogische Praxis, ihre Themen und Botschaften zu diskutieren.

Das Fachforum bietet eine Plattform, sich mit Kollegen und Kolleginnen zu Themen der Jugendsexualität auszutauschen und zu verorten. Visionen gelungener sexualitätsbezogener Begleitung sollen entstehen und als Impuls und Ermutigung für die eigene Arbeit genutzt werden.

Das Fachforum richtet sich an sexualpädagogische Fachkräfte und weitere Interessierte.

Flyer Fachforum Jugendsexualität 2010

Programmübersicht

Donnerstag, 9. Dezember 2010, ab 14.00 Uhr

  • Begrüßung und Einführung ins Tagungsthema
  • Vortrag Angelika Heßling, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Ergebnisse der BZgA-Studie Jugendsexualität 2010“
  • Anschließend: Von isp-DozentInnen begleitete Diskursgruppen zu selbstgewählten Detailthemen
  • Buffet
  • abends: Lesung mit Jaromir Konecny „Doktorspiele“

Freitag, 10. Dezember 2010, bis 14.00 Uhr

  • Vortrag Prof. Dr. Kurt Möller: „Alles Porno, oder was? Wie(so) Erwachsenenöffentlichkeit und Pädagogik Jugendsexualität thematisieren“
  • Workshops zu verschiedenen Themenfeldern
  • Tagungsabschluss und kurzer Stehimbiss

Die Vorträge

Angelika Heßling: „BZgA-Studie Jugendsexualität 2010“

Seit 1980 untersucht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) regelmäßig Einstellungen und Verhaltensweisen 14- bis 17-jähriger Jugendlicher zu Aufklärung, Sexualität und Verhütung. Keine andere Studie in Deutschland zu diesem Thema kann auf einen so langen Vergleichszeitraum zurückblicken. Für die neue Studie „Jugendsexualität 2010“ wurden insgesamt 3.542 Jugendliche befragt, darunter 1014 Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund.

Angelika Heßling ist Referentin in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In der Abteilung Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung ist sie zuständig für den Bereich Forschung.

Der Vortrag stellt ausgewählte Ergebnisse der Studie vor.

Prof. Dr. Kurt Möller: „Alles Porno, oder was? – Wie(so) Erwachsenenöffentlichkeit und Pädagogik Jugendsexualität thematisieren“

Für die einen steht fest: Wir erleben eine „sexuelle Tragödie“. Pornographisierung und Sexkonsum haben die Sexualität von Jugendlichen fest im Griff. Die anderen verweisen auf gegenläufige Befunde. Danach stehen Knutschen und Kuscheln bei Kerzenlicht in der sexuellen Werteskala junger Leute weiterhin obenan. Was nun? Welcher Standpunkt hat Recht? Vielleicht gar beide?

Oder ist die Frage ganz falsch gestellt? Sollte man womöglich eher fragen, welche Beobachtungsperspektiven, Erwartungen und Interessen hinter solchen Positionierungen stehen? Wer und was steuert wie den Diskurs über Jugendsexualität? Und welche Rolle spielt die Pädagogik dabei?

Der Vortrag will aktuelle Diskurszusammenhänge aufzeigen und Grundzüge ihrer Hintergründe analysieren.

Die Workshops

Workshop 1: „Alles was recht ist!“ – Jugendsexualität zwischen Recht, Moral und Pädagogik

Eine sexualitätsfreundliche Begleitung Jugendlicher setzt auf das Recht und auch die Zumutung, dass Mädchen und Jungen ihre Sexualität in hohem Maße selbstbestimmt leben. In der sexualpädagogischen Begleitung kommt es dabei immer wieder zu Fragen, die im Dreieck von Recht, Moral und Pädagogik schwierig zu beantworten sind.

Der Workshop möchte anhand konkreter Praxisbeispiele die aktuelle Rechtslage klären und individuelle sexualmoralische Haltungen diskutieren: Wie kann eine angemessene sexualpädagogische Begleitung in solchen Grenzbereichen aussehen? Wie ist es möglich, eigene Schutzbotschaften zu äußern, ohne Jugendlichen gegenüber unangemessen bevormundend aufzutreten?

Leitung: Anja Franke und Martin Gnielka

Workshop 2: „Grabbelsack, Penivagitus und Co.?!“ – Sexualpädagogische Methoden auf dem Prüfstand – Was ist (noch) zeitgemäß, was gelingt?

Methoden müssen passen, wenn sie wirksam sein sollen: Zur pädagogischen Fachkraft, zur Jugendgruppe, zu den Bedingungen. Dabei entstehen häufig Fragen:

  • Was geht in der Jugendarbeit/ Schule (nicht)?
  • Welche Methoden eignen sich, wenn ich nur wenig Zeit habe?
  • Wie viel Reden, wie viel sinnliches Erfahren sind nötig und möglich, um sexualitätsbezogenes Lernen optimal zu gestalten?
  • Welcher Medieneinsatz ist sinnvoll? Sind Angebote zur Bewegung des Körpers angemessen für die Jugendarbeit?
  • Wie können die Themen Sexualaufklärung, Werte, Geschlecht, Homosexualität, Gewalt, HIV/AIDS u.a.m. methodisch gut aufbereitet werden?

Diese Kernfragen des sexualpädagogischen Alltags sollen geklärt werden.

Leitung: Anke Erath und Gudrun Jeschonnek

Workshop 3: SchwuLesBisch – na und?!

Dieser Workshop richtet sich an SexualpädagogInnen, die auch mit Jugendlichen arbeiten, die sich ihrer sexuellen Orientierung noch nicht sicher sind und von einer gleichgeschlechtlichen Liebe gleichermaßen angezogen wie auch verunsichert sind. Wir thematisieren:

  • die Begleitung, Unterstützung und Förderung dieser Jugendlichen auf ihrem Weg zu einer selbstbestimmten Sexualität,
  • das Coming Out für sich, Familie und Freunde,
  • die Unterstützung und Beratung von Eltern oder Umfeld
  • sowie den Umgang mit Vorurteilen, die den homosexuell liebenden Jugendlichen während dieser Zeit begegnen.

Leitung: Cinzia Cappelletti und Felice Allocca

Workshop 4: „Integration 3.0“ – Interkulturelle Sexualpädagogik angesichts dreier Migrationsgenerationen

Der Schwerpunkt dieses Workshops wird Migrationen unter dem Blickwinkel von Werten und Normen im Bereich Sexualität sein. Es sollen die eigenen Vorannahmen überprüft und mit neuen Studienergebnissen verglichen werden:

  • Was weiß man eigentlich wirklich über die verschiedenen Gruppen?
  • Was hat sich in den letzten Jahren geändert?
  • Wo sind aktuelle Probleme – wo stecken Chancen?
  • Bei welcher Gruppe sind welche sexualpädagogischen Angebote besonders relevant und Erfolg versprechend?
    Und weil Jugendliche nicht nur in ihrer Peer Group leben, soll mit Hilfe dialogischer Eingaben speziell auf die drei Generationen von Migration geblickt werden, um anschließend Konsequenzen für die sexualpädagogische Praxis zu entwickeln.

Leitung: Christina Gutsmuths, Lucyna Wronska, Michael Hummert

Workshop 5: „Sexualpädagogik meets gender“

Gender ist für die Sexualpädagogik kein Neuland, sondern für viele ein bekanntes Thema. Was jedoch bedeuten z.B. die aktuellen Zahlen der Jugendsexualitätsstudie für die Praxis und wie können Jungen- und Mädchenbedürfnisse bestmöglich berücksichtigt werden? Welche Rolle spielt das eigenes Geschlecht und welche Chancen und Grenzen stecken im gleich- und gegengeschlechtlichen Arbeiten, wenn z.B. der männliche Kollege / die weibliche Kollegin fehlt? Diesen und weiteren Fragen möchte der Workshop in einer lebendigen Mischung aus Theorie und Praxis nachgehen.

Leitung: Doris Eberhardt und Reiner Wanielik

Workshop 6: „Unterschiedliche Lebenswege“ – Sexualpädagogische Begleitung bei Jugendlichen mit einer Behinderung?

Menschen durchlaufen auf ihrem Weg zum Erwachsensein verschiedene, besondere Lebensphasen: Das Säuglingsalter, die frühe Kindheit, das Schulalter und die Pubertät zeichnen sich durch typische Erfahrungen mit der eigenen Sexualität sowie der Reaktion der Umwelt auf diese Lebensäußerungen aus. In der psychosexuellen Entwicklung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung läuft vieles parallel – und doch ist Manches verschieden. Worin liegen diese Unterschiede? Wo werden die Weichen anders gestellt und was ist für die pädagogische Begleitung der sexuellen Entwicklung bedeutsam?

In diesem Workshop sollen verschiedene Aspekte von „sexuellen“ Lebenswegen aufgezeigt und diskutiert werden.

Leitung: Beate Martin und Sven Neumann

Das Kulturprogramm

Am Donnerstagabend liest der Autor und erfolgreiche Poetry Slamer Jaromir Konecny aus seinem Buch „Doktorspiele“ und berichtet über seine vielfältigen Erfahrungen bei Autorenlesungen an Schulen.

„Vorsicht, explizite Lyrik! Mit dem Jugendbuch ‚Doktorspiele‘ tourt Jaromir Konecny durch Deutschland. Einige Schulen haben den Autor erst ein-, dann flugs wieder ausgeladen, um ihre Schüler vor derber Sprache zu bewahren. Dabei sind die Lesungen von Pornografie weit entfernt.“ – Spiegel-Online

„Konecnys Sprache ist plakativ und direkt, seine Geschichten voll kernig-groteskem Humor. Lieblingsthema Sex nie weit. Die spezielle Konecny-Art, es rüberzubringen, garantiert Lacher.“ – Saarbrücker Zeitung

„Konecny entdeckt im Alltag das groteske Abenteur mit Mr. Beanschen Ausmaßen und verfügt über die frappante Fähigkeit, den Kalauer als Literatur zu adeln.“ – Kölner Stadt-Anzeiger

Website von Jaromir Konecny



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